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2007-05-05
Ich stehe an einer Straßenkreuzung in einem dem Verfall preisgegebenen Vorstadtviertel und schaue in den Innenhof eines eingestürzten Wohnhauses, wo sich eine Gruppe von Halbwüchsigen zum Frisbeespiel versammelt hat. In den Fensterhöhlen der Ruine tauchen weitere Jugendliche auf und brechen Ziegel aus dem Mauerwerk, um sie auf die Spielenden hinabzuwerfen. Die Geschosse wirken federleicht und ziehen in eleganten Bahnen knapp über die Köpfe der Angegriffenen hinweg, die sie einsammeln und mit grazilen Bewegungen zurückwerfen. Anfangs erscheint das Ganze als grobes, aber harmloses Spiel, das jedoch zunehmend außer Kontrolle gerät, und mit wachsender Intensität der Auseinandersetzung werden auch die Ziegel immer schwerer, bis sie als lebensgefährlicher Steinhagel auf die im Hof Versammelten niederprasseln. Treffer sind häufig und die Wände der Ruine hallen von dem dumpfen Krachen der auf die Schädeldecken prallenden Geschosse wider. Eines der Opfer greift sich mit einem Schrei an die plattgedrückte Stirn, doch seine Besorgnis gilt lediglich seinem Hut, der zwar die Wucht des Einschlags gemildert hat, dafür aber jetzt hoffnungslos außer Form geraten ist.
Inzwischen hat sich die Schlacht zu einem brutalen Rassenkonflikt entwickelt, in dem die Schwarzen, die die strategisch günstigeren Positionen an den Fenstern besetzen, die Oberhand behalten, während die Weißen unten im Hof sich in einer nahezu aussichtlosen Situation befinden. Dementsprechend beginnt ihr Widerstand zu erlahmen und sie ergreifen nacheinander in gebückter Haltung und mit gesenkten Häuptern die Flucht. Zwei von ihnen kommen auf mich zu und beginnen den Frust über ihre Niederlage abzureagieren, indem sie mir mit ihren Frisbeescheiben auf den Kopf schlagen. Da ich mir das nicht gefallen lassen will, packe einen von ihnen am Arm und zerre ihn zum nächsten Kanalschacht, wo ich ihm sein Spielzeug entreiße und ihn zwinge, mitanzusehen, wie ich es zur Strafe in den Tiefen der städtischen Kanalisation versenke. Doch leider sind die Öffnungen in dem Kanalgitter viel zu klein, sodaß es mir trotz größter Anstrengung nicht gelingt, die grellgelb leuchtende Plastikscheibe hindurchzuzwängen. In einem Anfall blinder Wut schleudere ich sie von mir und sehe ihr mit knirschenden Zähnen nach, wie sie über die Trümmer eines eingestürzten Häuserblocks davonsegelt und langsam hinter einer Schutthalde verschwindet.
Der Beatles-Song „Helter Skelter“, der vor über dreißig Jahren schon Charles Manson zu Spekulationen über einen Rassenkrieg zwischen Schwarz und Weiß veranlaßt hat, stellt auch den Ausgangspunkt zu diesem in Gestalt eines Gangster-Rap-Videos auftretenden Traum dar. Als Inspirationsquelle diente ein Gespräch mit meinem Kollegen G. über die Rolle der Popmusik in der Hippie-ûra.
2007-05-03
Ich bereise die USA und mache Station in Detroit, um die letzten erhaltenen Baudenkmäler der Industriearchitektur des 19. Jahrhunderts zu besichtigen. Mein besonderes Interesse gilt dabei einer Zahnradbahn, die auch heute noch als Transportsystem zur Verbindung von Betriebsgeländen in allen Teilen der Stadt dient. Stromlinienförmige Lokomotiven ziehen kleine Kipploren hinter sich her, in denen offene Container an Kardangelenken so befestigt sind, daß sie auch bei extremsten Steigungen und in Seitenlage immer genau waagrecht hängen. Diese Einrichtung ist nötig, da die Züge teilweise nahezu senkrechte Auffahrten bewältigen müssen und nur auf diese Weise sichergestellt werden kann, daß die zum Teil empfindlichen Güter während des Transports stets in einer gleichmäßig ruhenden Position verbleiben.
Ich stehe auf einem eisernen Gerüst neben der Öffnung eines aus Ziegeln gemauerten Tunnels und warte auf den nächsten Zug. Die Nähe zu den Metallteilen macht mich nervös, denn die elektrischen Installationen der Bahnanlage sind in schlechtem Zustand und die Kabel der Stromzuführung weisen an vielen Stellen beschädigte Isolierungen auf, sodaß jeden Moment ein Kurzschluß mit fatalen Folgen auftreten könnte. Ein Mitreisender bemerkt meine Unruhe und versucht mich zu beschwichtigen: „Wenn diese Plattform tatsächlich mit dem Fahrdraht verbunden wäre, wären wir schon längst tot.“
In diesem Augenblick taucht in der Tunnelöffnung ein Zug auf, der wegen der starken Steigung nur im Schrittempo vorankommt. Schnell springe ich auf und nehme in einem der flachen Anhänger Platz, um eine kostenlose Stadtrundfahrt zu unternehmen. Zwei auf der Durchreise befindliche Hobos, die die in dem Wägelchen untergebrachten Transportkisten aufgebrochen haben und sich nun an den darin verstauten Lebensmitteln gütlich tun, laden mich zu Bier und in Zellophan verpackten petits fours ein und weisen mit schelmischer Ironie darauf hin, daß sie als Gentlemen dazu verpflichtet sind, ihre Gäste auf das Bestmögliche zu bewirten. Ich greife zu und lasse es mir schmecken, wobei ich allerdings peinlich darauf achte, den Kopf unten zu behalten, denn wir passieren immer wieder niedrige Tunnels und Unterführungen, in denen man leicht enthauptet oder zerquetscht werden könnte.
Nach einer halsbrecherischen Abfahrt über ein steiles Viadukt hält der Zug am Rand einer stark frequentierten Straße im Zentrum der Stadt und ich steige aus. Obwohl für alle klar erkennbar sein muß, daß ich als blinder Passagier mitgereist bin und mich damit eines Vergehens schuldig gemacht habe, schenken mir die Passanten keinerlei Aufmerksamkeit; trotzdem fühle ich mich beobachtet und flüchte in ein im Stil der Dreißiger Jahre errichtetes Kaufhaus an der nächsten Straßenkreuzung.
Hier herrscht ein chaotisches Durcheinander von Waren aller Art, sodaß die Gänge zwischen den Regalen oft kaum passierbar sind. Um schneller voranzukommen, lasse ich mich in einem gasgefederten Bürosessel nieder, mit dem ich nach kurzer Übung sämtliche Hindernisse und sogar die Treppen ohne Mühe überwinde. Besonders die überall auf dem Boden verstreute Musikliteratur weckt meine Kauflust, und als sich eine Bildbiographie der Rockband Led Zeppelin mit dem Titel „Remain the Same“ im Drehgestell meines Sessels verheddert, nehme ich den Band in der Absicht, ihn an der Kasse vorbeizuschmuggeln, an mich. Zu meiner großen Enttäuschung ist das Buch jedoch auf billiges braunes Packpapier gedruckt und enthält außer einigen oberflächlichen Textbeiträgen lediglich nichtssagende Zeichnungen. Dafür möchte ich das Risiko eines Ladendiebstahls nicht eingehen, und da ich gerade durch die Gartenabteilung rolle, nutze ich die Gelegenheit, den Band zwischen zwei Tontöpfen mit ausgetrockneten Zimmerpflanzen zu verstecken. Dann fahre ich mit Schwung die letzte Treppe hinunter und rumple an dem verblüfften Türsteher vorbei hinaus ins Freie.
Dieser Traum, der scheinbar nur für sich selbst steht und keinen erkennbaren Bezug zu meinem Wachleben aufweist, erinnert mich an einen vor etlichen Jahren stattgefundenen Besuch an der österreichischen Nationalbibliothek, wo ein ähnliches Zahnradbahnsystem im Miniaturformat für den Büchertransport eingesetzt wird.
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