Somniatorium

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Es geht um Sekunden

2005-08-28

In der Endphase des zweiten Weltkrieges unternehme ich mit meinen Klassenkameraden einen Schulausflug, der uns nach längerer Wanderung über eine staubige Straße in ein hügeliges Waldstück führt. Wir steigen eine steinerne Treppe zu einer Kirchenruine empor, wo ich mich mit einigen Freunden ‫ wir sind neun Burschen und ein Mädchen ‫ von der übrigen Gruppe trenne, um in einer niedrigen Sakristei die Reste mittelalterlicher Fresken zu betrachten.

Während ich meine Aufmerksamkeit auf die Wandmalereien richte, zieht das Mädchen eine Armeepistole aus der Tasche und streckt einen von uns mit einem Kopfschuß nieder, denn sie ist eine sowjetische Politkommissarin und hat die Aufgabe, uns als Angehörige der deutschen Wehrmacht auszuschalten. Sie erwartet keine Gegenwehr, denn sie kann davon ausgehen, daß uns die Notwendigkeit ihres Handelns bewußt ist und wir Einsicht in ihre Rolle als Vollstreckerin eines vorbestimmten Schicksals haben. Doch was mich betrifft, irrt sie sich, denn ich habe nicht vor, mein Leben hier und jetzt zu beenden. Während ein weiterer Kamerad neben mir zu Boden geht, überlege ich, daß es ein Leichtes wäre, das Mädchen zu entwaffnen, wenn wir uns dazu entschließen könnten, sie in einer konzertierten Aktion zu überwältigen. Aber wer soll den Anfang machen? Ich nicht, denn wenn ich mich jetzt rege, ziehe ich damit ihre Aufmerksamkeit auf mich und werde aller Wahrscheinlichkeit nach der nächste sein, den sie aufs Korn nimmt. Wenn ich andererseits nichts tue, werde ich ebenso sicher in wenigen Augenblicken sterben.

So vergehen wertvolle Sekunden, während derer es mir nicht gelingt, einen Ausweg aus diesem Dilemma zu finden. Meine Kameraden beweisen indes mehr Entschlossenheit und stürzen sich auf das Mädchen. Zwei fallen noch, doch den übrigen gelingt es, ihr die Pistole zu entwinden. Einer setzt ihr die Waffe an die Schläfe und drückt ohne lange zu zögern ab ‫ die Situation hat sich auch ohne mein Eingreifen bereinigt, was mir in diesem Moment als Erfüllung eines allgemeinen Prinzips erscheint.

In einem Nebenraum der Kirche, dessen Dach bereits eingestürzt ist, haben wir unser Wandergepäck abgestellt. Da ich für den Rückweg weitere Zwischenfälle befürchte, will ich mich nicht damit belasten und beschließe, alles dazulassen, was nicht unbedingt nötig ist. Auch die Sachen meiner toten Freunde müssen hierbleiben, wobei es mir besonders um eine nagelneue digitale Spiegelreflexkamera leid tut, die ich gerne für mich behalten hätte. Die Vernunft verbietet aber, daß ich das Gerät an mich nehme, und so kommt nur eine Kühltasche mit Lebensmitteln mit auf den Heimweg.

Im Anschluß an den Ausflug steht noch eine Turnstunde auf Stundenplan. Als ich in der Kühltasche nach meinem Turngewand suche, stelle ich fest, daß diese nichts als leere Proviantdosen aus transparentem Kunststoff enthält; offenbar habe ich die Sachen in der Kirche zurückgelassen und muß jetzt im Unterleibchen turnen, das schon ganz verschwitzt und auf der Brust voller Flecken ist. So kann ich unmöglich unter Leute gehen! Während ich mich darüber ärgere, daß dieser Tag nichts als Unannehmlichkeiten bringt, beginnt in der Kühltasche mein Handy zu piepsen. Nach einigen Sekunden geht das Geräusch in das Läuten des Telefons in der realen Welt über und weckt mich auf.

Anmerkungen

Dazu fällt mir eine E-Mail ein, in der ich vor zwei Tagen in beruflichem Zusammenhang geschrieben habe: „Es handelt sich hier um eines von jenen Problemen, die sich von selbst lösen, wenn man nur lange genug darauf wartet.“ Das Mädchen will mich mit der gleichen Selbstverständlichkeit ausschalten, wie der fundamentalistische US-Fernsehprediger Pat Robertson den venezolanischen Staatspräsidenten Hugo Chavez ‫ wenn es sein muß, auch durch einen Mord.

Daß Flecken auf in der Öffentlichkeit getragenen Kleidungsstücken durchaus peinlich sein können, beweist die Diskussion um ein Foto der deutschen Kanzlerkandidatin Angela Merkel, das vor seiner Veröffentlichung auf der Website des Bayerischen Rundfunk noch ein bißchen retuschiert wurde.

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Sonnenbrillen machen Leute

2005-08-18

P. ist in den Urlaub gefahren und hat mir ihre schwarze Sonnenbrille dagelassen. Ich probiere sie aus und stelle fest, daß es sich um eine optische Brille handelt, die meine Sehschwäche optimal ausgleicht. Da ich Geheimagent bin und sowohl die Tarnung als auch den scharfen Blick gut brauchen kann, nehme ich mir vor, das praktische Accessoire nicht mehr zurückzugeben.

Ich besuche mein ehemaliges Gymnasium, vor dem sich eine große Menschenmenge versammelt hat und ungeduldig auf Einlaß wartet. Überall stehen Security-Leute, die jeden, der das Schulgebäude betreten will, nach einer Legitimation fragen. Ich tue so, als ob mich das Ganze nichts anginge und schlendere unbefangen an den Aufpassern vorbei. Auch in der Aula herrscht dichtes Gedränge. Wenn mir jemand im Weg steht, gehe ich forschen Schrittes auf ihn zu und sehe ihm dabei fest in die Augen. Dem stechenden Blick meiner schwarzen Brillengläser kann niemand lange standhalten.

Über eine Treppe gelange ich nach oben, wo es etwas ruhiger zugeht. Im 4. Stock treffe ich meinen Kollegen G. beim Joggen. Er trägt ein Schweißband um die Stirn und wirkt erschöpft, aber motiviert und entschlossen. Als er an mir vorbeiläuft, mache ich Anstalten, ihm die Tür zu öffnen, doch er lehnt dies ab mit der Begründung, daß es die Regeln der sportlichen Fairness verletzen würde, wenn er sich von mir helfen ließe.

Meine Mission ist damit erfüllt und ich mache mich auf den Weg nach Hause. Beim Verlassen des Schulgebäudes komme ich an einem Podest vorbei, auf dem ein großes hölzernes Faß mit Erdöl als Denkmal ausgestellt ist. Sein Anblick erinnert mich daran, daß ich in Wahrheit gar kein Agent bin, sondern ein raffinierter Trickbetrüger, der soeben einem nigerianischen Diplomaten um einen horrenden Preis ein kleines Faß Rohöl verkauft hat. In einer Vision sehe ich ihn vor mir, wie er im Flugzeug nach Lagos sitzt und das Fäßchen, das er für einen ganz besonderen Schatz hält, zärtlich auf seinen Knien schaukelt.

Anmerkungen

Zu keinem der Motive in diesem Traum habe ich eine Assoziation; auch Tagesreste sind nicht zu erkennen (wenn man von den seit Wochen anhaltenden Nachrichten über steigende Ölpreise absieht).

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Butter kann man nie genug haben

2005-08-09

Ich befinde mich in einer Plattenbausiedlung im Stil der Sechziger Jahre, die gerade einer Renovierung unterzogen wird. Der Untergrund ist schlammig und von den Rädern vieler Baufahrzeuge zerfurcht, sodaß sich überall große Lacken aus Regenwasser gebildet haben und es kaum eine Möglichkeit gibt, trockenen Fußes voranzukommen. Der Weg führt unter einer aus Matador-Bausteinen errichteten Holzkonstruktion hindurch, die dicke Bündel von Elektrizitäts- und Telefonkabeln trägt; eigentlich hätten die Versorgungsleitungen im Boden vergraben werden sollen, doch leider hat man darauf vergessen und daher wird dieses ästhetisch fragwürdige Provisorium auf unabsehbare Zeit bestehen bleiben.

Die Aufzugschächte in den Gebäuden sind nach außen hin geöffnet, sodaß man die Liftkabinen auf- und abfahren sehen kann. Beim Herunterfahren bewegen sie sich ruckartig, denn das System besteht darin, daß die Kabinen einfach fallengelassen und ca. alle 30 Zentimeter wieder abgebremst werden. Scheinbar bin ich der einzige, der dieser Technik mißtrauisch gegenübersteht, denn in den Aufzügen sind viele Menschen unterwegs, denen keinerlei Nervosität anzumerken ist.

Zusammen mit C. betrete ich die Wohnung einer alten Dame in einem Bau am Rand der Siedlung. Die Frau freut sich außerordentlich über unseren Besuch und überreicht mir ein großes Lebensmittelpaket mit Butter, Käse und den zerriebenen Resten getrockneten Brotes: „Butter gibt es jetzt zwar überall im Sonderangebot, aber schließlich kann man nie genug davon haben.“ Als C. und ich uns verabschieden, nimmt mir die Dame die Brotbrösel wieder ab und streut sie über den Salat, den sie für ihr Mittagessen zubereitet hat. Vor der Tür überlege ich, wie ich die viele Butter am schnellsten loswerden kann, doch da die Butterblöcke in einem mit Salzlake gefüllten Plastiksack verpackt sind, den ich auf der Straße nicht öffnen möchte, lasse ich alles wie es ist und behalte das ganze Paket.

Anmerkungen

Dieser Traum basiert hauptsächlich auf Kindheitserinnerungen: die Plattenbausiedlung, der Matador-Baukasten und die alte Dame (in der Realität meine Großtante), die mich mit unerwünschten Nahrungsmitteln versorgt ‫ all das bezieht sich auf eine Zeit, in der die Konsumenten durch den Kauf von preisreduzierter „Aktionsbutter“ in den Supermärkten zum Abbau der landwirtschaftlichen Überproduktion beitragen sollten. Die Frage, was diese Trauminhalte angeregt hat, bleibt allerdings unbeantwortet.

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Der Tiger ist los

2005-08-03

Ich bin in einem U-Bahn-Zug unterwegs, der wegen Bauarbeiten auf der Hauptstrecke über eine im regulären Betrieb nicht benutzte Ausweichroute geführt wird. Die Fahrt ist ein rasantes Auf und Ab, denn wie bei einer Hochschaubahn müssen Steilkurven bewältigt und Gefälle überwunden werden. Unter den Fahrgästen bin ich augenscheinlich der einzige, der darin eine Besonderheit erblickt; die anderen lesen ihre Zeitungen oder sehen stoisch aus den Fenstern.

Als ich am Franz Jonas-Platz aussteige, kaufe ich mir bei einem Straßenhändler einen Strohhut mit schwarzer Schleife, der mir in Verbindung mit meiner Sonnenbrille ein äußerst elegantes Erscheinungsbild verleiht. Während ich gemächlich über den Platz schlendere, höre ich in einiger Entfernung das ängstliche Wiehern eines Pferdes und bleibe stehen, um die Ursache des Aufruhrs zu erkunden. In der Annahme, daß das Tier sich durch den Raubtiergeruch aus dem nahegelegenen Zoo beunruhigt fühlt, setze ich meinen Weg fort, als ein orangefarbener Blitz meinen Weg kreuzt: Ein Tiger hat sich aus seinem Käfig befreit und läuft frei in der Stadt herum! In offenbar spielerischer Absicht jagt er mich um das Wartehäuschen an der Bushaltestelle, denn als es ihm nach einigen Runden gelingt, mich mit den Zähnen am Arm zu packen, hat er schon wieder das Interesse an mir verloren und sucht nach einem neuen Spielkameraden. Ich möchte mich davonschleichen, bevor er es sich anders überlegen kann, doch da der Tiger kein anderes Opfer findet, ist er bald wieder hinter mir her. Das Spiel wiederholt sich noch ein paar Mal, und obwohl ich jedesmal unverletzt davonkomme, sehen die Umstehenden einander mit betroffenen Mienen an und sagen: „Der arme Kerl! So einen schicken Hut hatte er, und trotzdem mußte er sterben.“

Anmerkungen

Ich habe Fotos von einer Frau gesehen, die einen Tiger im Schlafzimmer hat ‫ zwar nur aus Stoff, aber dennoch wirkt er sehr lebensecht.

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