Somniatorium

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Literarisches Abenteuer

2005-12-12

Ich habe eine Verabredung mit meiner ehemaligen Mitschülerin B.S., die nach der Matura den Beruf einer Innenraumausstatterin ergriffen hat. Sie möchte mir das künstlerische Werk einer ihrer Freundinnen näherbringen und überreicht mir zur Einführung ein Kinderbuch, das diese mit bunten, psychedelischen Bildern im Stil der Hippie-ûra illustriert hat. Das Buch hat keine geraden Kanten, sondern wird von wellenförmig zugeschnittenen Rändern begrenzt, die bei intensiver Betrachtung rhythmisch zu schwingen scheinen. Ich konzentriere mich auf das Fließen der Linien und falle in einen Trancezustand, der es mir ermöglicht, körperlich und geistig in das Buch einzutauchen und die darin abgebildeten Szenen als bewegte Bilderfolgen zu erleben. Die einzelnen Sequenzen folgen sehr schnell aufeinander, wie in einem Film, der mit zu hoher Geschwindigkeit abgespielt wird.

Erste Szene: Ich liege in einem von abendlichem Dämmerlicht erfüllten Raum auf einem Doppelbett und kann nicht einschlafen, da meine Ohren von einem summenden Geräusch erfüllt sind. Da taumelt meine Arbeitskollegin L. ins Zimmer und läßt sich neben mir auf das Bett fallen. Sie hat einen Unfall mit offenem Feuer gehabt und wurde dabei im Gesicht verletzt. Es ist dick mit Brandsalbe bestrichen und Nase und Augenpartie sind von einer unregelmäßig geformten Maske bedeckt. Ich sehe die blutleere, verbrannte Haut an ihrem Kinn und sage: „Das sieht gar nicht gut aus! Du solltest unbedingt zum Arzt gehen!“ Dabei weiß ich genau, welche Behandlung sie braucht: Man müßte ihr die Larven von Fliegen unter die Haut setzen, damit diese sich in dem zerstörten Gewebe entwickeln können und es nach und nach auffressen. Danach wäre ihr Gesicht wieder vollkommen hergestellt.

Zweite Szene: Ich erkenne jetzt die Ursache für das beständige Summen, das mich am Schlafen hindert: Über dem Bett hängt ein Beleuchtungskörper mit einer Lampenschale aus transparentem Glas, in der sich zahlreiche kleine Tiere gefangen haben. Sie ähneln großen Insekten, haben aber viel mehr Beine und außerirdisch anmutende Körperanhänge, über deren Funktion ich mir nicht im klaren bin. Da das Glas der Lampe sehr heiß ist, können sich die Tiere nicht niederlassen, sondern müssen ständig mit den Flügeln schlagen, um am Leben zu bleiben. Nach und nach stoßen sie aber doch an das heiße Glas und verenden ‫ bis auf zwei besonders große, die es schaffen, sich in der Luft zu halten. Als auch diese zu ermüden drohen, verspüre ich das Bedürfnis, sie zu retten. Ich nehme die Lampenschale ab und öffne die Balkontür, um ihnen den Weg ins Freie zu ermöglichen. Doch anstatt die Gelegenheit zu ergreifen, kreisen sie hartnäckig im Zimmer umher und lassen sich nicht hinausscheuchen. Zusätzlich kommen immer mehr Tiere von draußen herein, sodaß der Raum bald wieder von lautem Summen erfüllt ist und ich entnervt die Tür schließe.

Dritte Szene: Das Bett beginnt sich zu bewegen und durch das Haus zu fahren. Es zieht sich in die Länge und wird weich und biegsam, um durch extrem schmale und verwinkelte Korridore zu passieren. Die Fahrt erreicht ein irrwitziges Tempo und endet nach etwa einer Minute im Garten des Hauses.

Vierte Szene: Ich befinde mich in einem Bild, das die Künstlerin als Illustration zu der Erzählung „Wassergrube und Pendel“ von E.A. Poe geschaffen hat. Das Pendel hängt in einer weiten Landschaft aus Sanddünen vom Himmel und schwingt ruhig und regelmäßig hin und her. Ich sitze auf der Aufhängung des Pendels und blicke hinunter zur Schneide, wo ich einen sich krümmenden und windenden menschlichen Torso bemerke. Es handelt sich um die Künstlerin selbst, die gerade versucht, sich als vollständiger Körper in der Szene zu materialisieren. Doch es gelingt ihr nicht, und nach einigen Zuckungen sackt der Torso in sich zusammen, als hätte man die Luft aus ihm herausgelassen.

Fünfte Szene: Ich fliege auf einer Wolke über eine Landschaft aus mathematischen Formelpoemen. Die Künstlerin rezitiert einen Text im Versmaß und preist die Leichtigkeit, mit der sich die Formeln fast wie von selbst zu ästhetischen Gebilden fügen. Am Horizont taucht die Ruine eines romantischen Schlosses auf.

Sechste Szene: Ich betrete das Schloß und treffe seinen Besitzer. Es handelt sich um einen spanischen Landedelmann, der in ein mit Rüschen besetztes Hemd, Kniehosen und Schnallenschuhe gekleidet ist. Er tritt in dreifacher Ausfertigung auf, wobei einer seiner Avatare sich durch sein ausdruckslos grünes, skabröses Gesicht von den anderen beiden unterscheidet. Die drei geraten in Streit und reden mit südländischem Temperament unter heftigem Gestikulieren wild durcheinander. Bald stechen sie mit bajonettartigen Waffen aufeinander ein, wodurch zwei von ihnen verletzt werden und aus langen Schnittwunden bluten. Ihre Gestalten beginnen zu verfließen und lösen sich in formlose Klumpen auf. Der Überlebende öffnet eine Konservendose, schüttet den völlig vertrockneten Inhalt in einen Topf mit Wasser und kocht mir daraus „bestes Gulaschsuppe von Welt“.

Siebente und letzte Szene: Ich habe das Ende des Buches erreicht und stehe vor einem hölzernen Lattenzaun. Um nach draußen sehen zu können, beuge ich mich über den Zaun und verfange mich dabei in einem Spinnennetz. Das Netz wird von einer großen, giftig-orangefarbenen Spinne bewohnt, die aus Angst vor mir die Flucht ergreift. Aus dem Off erklärt mir eine Stimme, daß dies der zum Schloß gehörige Gemüsegarten ist und ich die Aufgabe habe, die Gemüseproduktion wegen Bedarfsmangels in den Boden einzuackern. Ich sehe große Bündel von Schnittlauch und hartlaubigen Liliengewächsen vor mir liegen und greife nach einem Gartenwerkzeug, um keine Zeit zu verlieren. Die Luft ist heiß und der Boden so hart und sandig, daß die Arbeit nur sehr langsam vor sich geht.

Anmerkungen

Dies ist ein Fiebertraum ‫ oder jedenfalls beinahe, denn er tritt in einer Nacht auf, in der ich mit den deutlich spürbaren Symptomen einer Verkühlung ins Bett gegangen bin. Da das Traumerlebnis zum Teil durch einen hohen Grad an Abstraktion gekennzeichnet war, ist mir die Nacherzählung einigermaßen schwergefallen ‫ z.B. in der fünften Szene, deren Landschaft aus einem kaum beschreibbaren System aus dreidimensional angeordneten Zeichen und Linien bestand. Die Bezeichnung „mathematische Formelpoeme“ stammt jedenfalls direkt aus dem Traum und ist mir nicht erst im Zuge der Niederschrift eingefallen. Obwohl die meisten Szenen mit hohem Tempo und streckenweise wie im Zeitraffer abgelaufen sind, hat der Traum subjektiv sehr lange gedauert.

Edgar Allan Poe ist ein Tagesrest, der sich auf den Roman „Das zweite Gesicht“ von Kai Meyer bezieht. Von der Tatsache, daß es die im Traum beschriebene Madentherapie tatsächlich gibt, mußte ich mich nach dem Aufwachen erst überzeugen; im Moment kann ich mich nicht daran erinnern, jemals bewußt davon gehört zu haben.

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Ein Attentat auf den Präsidenten

2005-12-04

Ich bin auf dem Weg zu einem Verwandtenbesuch und eile zu Fuß durch die Straßen der Vorstadt. Als ich zu einem großen, modernen Gebäude mit gläserner Fassade komme ‫ es handelt sich um ein Einkaufszentrum ‫, hindert mich eine Straßensperre am weiteren Fortkommen. Das ganze dahinterliegende Stadtviertel ist mit Zäunen aus Maschendraht hermetisch abgeriegelt und der Zutritt für Passanten verboten. Überall sind Sicherheitsleute postiert, die die ungeduldig vorwärtsdrängende Menge daran hindern, über die Zäune zu klettern und in die verbotene Zone einzudringen. Der Grund für die Sicherheitsmaßnahmen ist ein Besuch des österreichischen Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger, der hier in wenigen Minuten einen öffentlichen Auftritt absolvieren wird.

Ich betrete das Einkaufszentrum in der Hoffnung, die Absperrungen durch einen Hinterausgang umgehen zu können, doch mit Ausnahme des Haupteinganges sind alle Türen abgeschlossen. Mit dem Aufzug fahre ich auf das Dach des Gebäudes und treffe dort meine Arbeitskollegin K. Wir blicken hinab auf das abgeriegelte Stadtviertel und sind uns einig darüber, daß die Stadtverwaltung die Veranstaltung mit Absicht in ein eher von sozial Schwachen bewohntes Stadtviertel verlegt hat: „Den Proleten kann man es ja zumuten. In einem Nobelbezirk hätten sie sich das nicht getraut.“

Inzwischen ist der Bundespräsident eingetroffen und die Veranstaltung beginnt. Es ist mein Vorgesetzter K., der es übernommen hat, den Ehrengast vor laufenden Kameras zu interviewen. Die beiden haben in einer gläsernen Zelle Platz genommen, wo ihnen das Publikum beim entspannten Plaudern zusehen kann. Lautsprecher übertragen den Ton nach draußen.

Unter den Besuchern fällt mir ein älterer Mann auf, der nicht wie die meisten anderen an seinem Platz stehen bleibt, sondern die Zelle mit langsamen Schritten umrundet. Es ist der emeriterte Universitätsprofessor J. H. In der Tasche seines Jacketts trägt er eine schallgedämpfte Pistole, denn er ist hier, um den Präsidenten im Auftrag unbekannter Dunkelmänner zu ermorden. Es macht ihn unruhig, daß er keinen geeigneten Platz findet, von dem aus er seinen Anschlag verüben könnte. Ich könnte ihm einen Nebenraum mit Blick auf die Zelle zeigen, von dem aus er sein Opfer unbeobachtet ins Visier nehmen könnte, doch ich ziehe es vor, mich nicht einzumischen. Nach der dritten Runde zeichnet sich Verzweiflung auf H.s Gesicht ab, denn er weiß, daß er versagt hat und seine Auftraggeber ihn dafür zur Rechenschaft ziehen werden.

Die Veranstaltung ist beendet und die Menschenmenge in dem Einkaufszentrum löst sich langsam auf. Mein Vorgesetzter eröffnet mir, daß er dem Präsidenten ein Honorar von 4000 Euro für das Interview versprochen hat und ersucht mich, den fälligen Betrag so schnell wie möglich aus der Kasse unseres Vereines auszuzahlen. Ich bin empört und weise ihn darauf hin, daß diese Summe bei weitem die finanziellen Möglichkeiten des Vereins überschreitet und die Organisation in eine Krise stürzen wird. Als ich mit meinem Austritt drohe, verspricht mir K., in Zukunft keine größeren Ausgaben mehr zu unternehmen, ohne sich zuvor über den Kassenstand zu informieren.

Anmerkungen

In diesen Tagen finden zahlreiche mehr oder weniger interessante Veranstaltungen statt, die alle dokumentiert werden wollen ‫ die Bänder mit den Aufzeichnungen stapeln sich auf meinem Tisch und es wird lange dauern, bis sie alle aufgearbeitet sind. Prof. H., von dem ich seit längerer Zeit nichts mehr gehört habe, ist mir kürzlich auf einem Zeitungsfoto aufgefallen. Er ist ein freundlicher und absolut korrekter Mensch und es ist mir unerklärlich, wieso gerade er in meinem Traum die Rolle des Attentäters spielen muß.

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