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2006-03-30
Während eines Spaziergangs gerate ich in einen fremden Stadtteil, dessen Häuser starke Verfallserscheinungen aufweisen. Nicht nur die Bausubstanz zeugt von Niedergang und Verwahrlosung, auch die Menschen tragen die Kennzeichen fortgeschrittener Degeneration an sich. Sie haben stumpfe, primitive Gesichter und werfen mir feindselige Blicke zu, die mir zu verstehen geben, daß ich ein unerwünschter Außenseiter bin. In einer Vision gewinne ich Einblick in eine der ehemals prächtigen Wohnungen im Viertel und sehe die Umstände vor mir, unter denen die heutigen Bewohner hausen: zerbrochene Fensterscheiben, winzige Räume mit Zwischenwänden aus Brettern, abgenutzter Hausrat. Diese Gegend ist eine in sich abgeschlossene Welt am Rand des Untergangs, und wer sich darin verirrt, hat kaum noch Chancen, wieder hinauszukommen.
Eine Sandstraße führt mich in eine von schäbigen Holzhütten bestandene Senke. Hier befindet sich eine Art Erholungsgebiet für die Einheimischen, das von diesen eifersüchtig bewacht wird. Auf einer halb zerfallenen Veranda sitzt eine vielköpfige Familie und mustert mich mißtrauisch. Ein Tümpel erstreckt sich im Halbkreis um die Hütte und überschwemmt zum Teil auch die Straße, sodaß ich aufpassen muß, meine Schuhe trocken zu halten.
Ich mache mich auf den Rückweg und werde von einer am Straßenrand sitzenden Greisin angesprochen: „Wie groß ist der See?“ Ich beziehe die Frage auf den Tümpel und antworte: „Nur ein paar Quadratmeter!“ Doch da höre ich ein Rauschen hinter mir, und als ich mich umdrehe, sehe ich, wie sich eine Schlammflut die Straße entlangwälzt und diese unter sich begräbt. Die Sorge der Frau gilt nämlich einem in der Nähe gelegenen Stausee, der in den letzten Stunden durch Regenfälle bedrohlich angeschwollen und dessen Damm jetzt offenbar gebrochen ist.
Für einen Augenblick erfaßt mich Panik und ich möchte fliehen, doch dann erkenne ich, daß ich mich in einem Film des Avantgarderegisseurs Percy Adlon befinde, der mit dieser Szene zu Ende geht. Zur Bestätigung erscheint auf einem hölzernen Wirtshausschild neben mir der Abspann mit den Namen der Beteiligten und dem Titel des Films, der langsam in den charakteristischen Schriftzug der Biermarke „Gösser“ übergeht.
Dieser in erster Linie von seinen einprägsamen Bildern getragene Traum wurde durch eine Assoziationskette ausgelöst, an deren Anfang die Information stand, daß der Nacktmull die höchste Inzestrate unter allen Säugetieren hat. Dies hat mich an die Geschichten „The Shadow Over Innsmouth“ und „The Horror at Red Hook“ von H. P. Lovecraft erinnert, denen das verfallene Stadtviertel mit seinen von Degenerationserscheinungen gezeichneten Bewohnern entnommen ist.
Von Percy Adlon ist mir aufgrund seiner experimentellen Technik vor allem der Film „Herschel und die Musik der Sterne“ im Gedächtnis geblieben. Den Bezug zur Astronomie liefert die am Vortag stattgefundene partielle Sonnenfinsternis, von der ich wegen totaler Bewölkung leider nichts mitbekommen habe.
Den auf der Wirtshaustafel festgehaltenen Titel des Traum-Films habe ich vergessen. Phonetisch war er jedenfalls nicht weit von dem Wort „Gösser“ entfernt.
Die Donau führt zur Zeit Hochwasser.
2006-03-14
Ich mache Urlaub in einem zum Hotel umgestalteten Schloß und besichtige die sich an die Westfront des Gebäudes anlehnende Schloßkirche. Das Kirchenschiff ist zweigeschossig ausgeführt und nach einem streng rechtwinkligen Raster in Räume gegliedert, sodaß bis auf die barocke Ausstattung kaum ûhnlichkeit mit herkömmlicher Sakralarchitektur besteht.
Ich steige in das obere Stockwerk, um mir die Kunstschätze anzusehen, wobei mir besonders eine dicht mit steinernen Köpfen bedeckte Säule von etwa einem Meter Durchmesser ins Auge fällt. Einige der Reliefs zeigen kirchliche Würdenträger und andere Heilige, doch in der Mehrzahl handelt es sich um fein ziselierte, naturalistisch dargestellte Totenschädel. Ich trete hinzu, um die Säule aus der Nähe zu betrachten, werde aber von einer Gruppe müßig herumstehender Touristen daran gehindert. Ständig strömen neue Besucher herein, sodaß ich mir Sorgen um die Statik des Raumes mache und befürchte, der Boden könnte unter der Belastung zusammenbrechen.
Über eine Treppe flüchte ich ins Erdgeschoß, wo eine Planzeichnung vom Grundriß des Gebäudekomplexes ausgestellt ist. Diese erklärt, warum bei der Konstruktion der Schloßanlage nur rechte Winkel zugelassen wurden: Alle Linien, die parallel zu einer der Achsen des nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichteten Koordinatensystems verlaufen und einen ganzzahligen Abstand zum Mittelpunkt haben, sind von einem magischen ûther umgeben, in dem sich die Geister von Verstorbenen niederlassen könnten. Um dies zu verhindern, hat man entlang der Linien Mauern aus Hohlziegeln errichtet, die die Geister auf feste Plätze bannen und ihre Wanderungen unterbinden.
An einer einzigen Stelle wurde das Prinzip des rechten Winkels verletzt, und zwar in jenem Korridor, in dem sich das von mir gemietete Zimmer befindet. Hier laufen zwei Mauern spitzwinkelig zusammen und bilden einen mit einer Holztür verschlossenen Raum, in dem sich eine als „Blutgräfin“ in die Geschichte eingegangene Vorfahrin des Schloßherrn eingenistet hat, um ungestört der schwarzen Magie zu frönen. Die weiße Lackierung der Tür weist einige Schäden auf, die bei näherer Betrachtung als Meßskalen zu erkennen sind. Die Skalen sind mit hermetischen Symbolen beschriftet und zeichnen die Bewegungen eines an der Wand befestigten Pendels auf, das sich im Moment in Ruhe befindet. Ich bin versucht, es anzustoßen, doch da ich nicht abschätzen kann, welche unkontrollierbaren Folgen sich daraus ergeben könnten, lasse ich es bleiben.
Ich habe keine Lust, Tür an Tür mit der Blutgräfin zu wohnen und entschließe mich daher zur vorzeitigen Abreise. Mit ungeputzten Zähnen trete ich vor das Schloß, wo bereits ein Lastwagen mit laufendem Motor auf mich wartet. Auf der Ladefläche des Fahrzeuges ist ein Holztisch mit wackligen Bänken aufgestellt, auf denen eine Gruppe pensionierter Cowboys sitzt. Die Männer tragen große Hüte auf den Köpfen, sind übergewichtig und löffeln Bohneneintopf aus Blechnäpfen. Der Fahrer des LKW teilt herrische Befehle aus, denen sich alle widerspruchslos fügen. So befindet sich z.B. ein Radio unter dem Tisch, aus dem laute Countrymusik ertönt und es ist verboten, es abzudrehen. Ich stoße mit dem Knie daran, um wenigstens einen anderen Sender einzustellen, aber der Fahrer wirft mir einen bösen Blick zu und sagt: „Wir wollen deine Musik nicht hören, Hank.“
Während einer Fahrtpause dürfen wir vom Wagen klettern, um uns die Beine zu vertreten. Als ich sehe, daß Wasser vom Dach der Fahrerkabine tropft, will ich dieses dazu verwenden, mir endlich die Zähne zu putzen, doch der Fahrer bemerkt meine Absicht und dreht den Zufluß mit hämischem Grinsen ab. Ich gerate in Wut und beschließe, mir seine Schikanen nicht länger gefallen zu lassen. Ich hole aus, um ihm einen kräftigen Faustschlag auf die Nase zu versetzen ‫ und erwache mit einem Ruck.
Die Cowboys in diesem Traum sind von Kinky Friedman angeregt, der ein bekennender Fan der Country-Legende Hank Williams ist und das Krimischreiben aufgegeben hat, um für das Amt des Gouverneurs von Texas zu kandidieren. Wenn ich hier aber die Rolle von Hank Williams spiele, so stellt sich die Frage, warum ich keine Countrymusik mag und warum andererseits die Cowboys meine Musik nicht hören wollen. Insgesamt weiß ich zu wenig über Hank, um etwaige Parallelen zwischen seinem und meinem Leben feststellen zu können. Faktum ist jedenfalls, daß er in meinem Alter schon tot war.
2006-03-03
Ich sitze auf dem Kutschbock eines vierspännigen offenen Wagens und fahre über einen regennassen Feldweg. Da die Pferde jung und unerfahren sind, kommt es immer wieder vor, daß sie scheuen und nicht weitergehen wollen. Bald verliere ich die Geduld und spanne mich selbst als Leittier ein, wobei mir auffällt, daß die Deichsel der Kutsche nicht wie gewöhnlich aus aus Holz gefertigt ist. Stattdessen sind mehrere Stangen aus Baustahl an der Front angebracht, die sich zu einem losen Bündel vereinen und elastisch hin- und herschwingen.
Schon nach wenigen Schritten bemerke ich, daß der Untergrund nicht fest ist, sondern eine schlammige und zähflüssige Konsistenz aufweist. Zuerst befürchte ich, der Wagen samt den Pferden könnte darin versinken, doch weder Hufe noch Räder drücken sich merkbar in den Boden ein. Dennoch ist die Fahrt gefährlich, denn im Schlamm leben böse, rattenähnliche Raubtiere, die ständig ihre Köpfe herausstrecken und nach den Beinen meiner ohnehin nervösen Pferde schnappen. Bald erkenne ich, daß sie es nicht nur auf mein Gespann abgesehen haben, sondern auch im Krieg mit einer Rasse von gutartigen Schlammbewohnern leben. Um den Guten zum Sieg zu verhelfen, lenke ich den Wagen über die Köpfe der Ratten und hoffe, auf diese Weise möglichst viele von ihnen zu zerquetschen. Doch leider sind die Kämpfenden so dicht ineinander verkeilt, daß es mir nicht gelingt, Freund und Feind auseinanderzuhalten, und so verenden auch etliche der freundlichen Tiere unter den Rädern meines Fahrzeuges.
Am Wegesrand sitzt eine Ente mit schmutzverkrustetem Gefieder, von der nur Hals und Kopf aus dem Schlamm ragen. Ihr Schnabel steht offen, die Augen sind geschlossen. Bei näherer Betrachtung sehe ich, daß sie tot ist ‫ eine leere Hülle, ausgehöhlt und leergefressen von den Ratten. Dieses Schicksal droht allen, die nicht achtsam sind und nachlässig in der Abwehr der Räuber werden.
Das letzte Stück des Weges ist ein steiler Anstieg. Das Fortkommen wird schwierig, denn die eisernen Stangen an der Kutsche bohren sich immer wieder in den Boden und müssen mühsam freigelegt werden. Als ich endlich die Hauptstraße erreiche, ist diese mit einem Seil abgesperrt. Ich will mich nicht aufhalten lassen und hebe es an, sodaß meine Pferde darunter passieren können. Dabei bemerke ich, daß ich nicht mehr alleine bin: Im Wagen hat unbemerkt eine alte Dame Platz genommen, die mir freundlich zunickt. Aus dem Abseits höre ich eine Stimme, die sich bedankt und sagt: „Gratuliere! Du hast es geschafft, den Wagen über die volle Distanz zu bringen, ohne daß die Königin den Kopf einziehen mußte.“
Dieser Traum weckt in mir die Erinnerung an das Märchen vom eisernen Heinrich (besser bekannt unter dem Titel „Der Froschkönig“), der seine Brust mit Eisenbändern umspannt hat, damit sein Herz nicht zerspringt. Ein konkreter Bezug zu einem Tageserlebnis besteht nicht ‫ mit Ausnahme der toten Ente, deren Bild von den allgegenwärtigen Berichten über die derzeit grassierende Vogelgrippe inspiriert ist.
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