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2006-09-22
In einem sonnendurchfluteten Garten hinter einer Steinmauer treffe ich auf eine Gruppe von jungen Leuten, die sich das Auswendiglernen von bedeutenden Werke der Weltliteratur zum Lebensinhalt gemacht haben. Die meisten von ihnen sind in Tuniken nach antikem Vorbild gekleidet; da es trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit sommerlich warm ist, tragen einige der Frauen Bikinis oder Badeanzüge. Wer so wie ich als Besucher in den Garten kommt und die Gastgeber nicht beleidigen will, muß ausführliche Rezitationen über sich ergehen lassen und ohne ein Zeichen von Ungeduld bis zum Ende ausharren.
Ein Mädchen möchte mir das Gedicht „Summer“ der amerikanischen Lyrikerin Emily Dickinson vortragen und entschuldigt sich mit den Worten: „Jetzt wird es zwar bald Winter, aber was soll’s.“ Stotternd und von häufigen Nachdenkpausen unterbrochen beginnt sie zu sprechen und schon nach wenigen Sätzen ist klar, daß sie den kurzen Text nur ungenügend beherrscht. Ich bin ziemlich enttäuscht, denn bei der großen Bedeutung, die der Literatur hier beigemessen wird, habe ich mir nicht weniger als eine fehlerfreie Darbietung erwartet. Die soeben gebotene Leistung steht jedenfalls in keinem Verhältnis dazu und stellt dem Fleiß des Mädchens kein gutes Zeugnis aus.
In einer von dichtem Gebüsch umrankten Nische am Rand des Gartens haben sich etliche der Gäste auf eisernen Klappsitzen niedergelassen und warten mehr oder weniger gespannt auf die für sie vorgesehenen Vorträge. Ich geselle mich zu ihnen und finde die Situation so erheiternd, daß ich die Beherrschung verliere und lauthals lachend vom Sessel kippe. Zwei ältliche Frauen geben ihrer Empörung über mein Benehmen lautstark Ausdruck und beschweren sich bei dem Schauspieler Uwe Ochsenknecht, der mein Verhalten einer ausführlichen Analyse unterzieht und zu dem Schluß kommt, daß dessen Ursache in einer suchtgefährdeten Persönlichkeitsstruktur begründet sein muß. „Seht ihn euch doch nur an mit seinem enthemmten Lachen! Ist das nicht ein typisches Symptom der Suchtkrankheit?“ Diese Fehleinschätzung steigert meine Heiterkeit ins Maßlose, sodaß ich mich samt dem Sessel in Lachkrämpfen auf dem Boden wälze und atemlos nach Luft ringe. Gerne würde ich erklären, daß es wohl auf der ganzen Welt keinen Menschen gibt, der weniger zur Sucht neigt als ich, doch da es mir nicht gelingt, die Fassung wiederzufinden, muß die Hypothese des irregeleiteten Hobbypsychologen unwidersprochen bleiben.
Dieser Traum ist inspiriert von der Geschichte eines römischen Patriziers (sein Name ist mir entfallen ‫ vielleicht existiert er nur in meiner Imagination?), der von seinen Sklaven das Auswendiglernen und Vortragen literarischer Werke verlangte. Nahe liegt natürlich auch der Gedanke an das Buch „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury, aber ich glaube nicht, daß es hier eine Rolle spielt.
Zu dem Traum gibt es übrigens eine Begleitmusik, nämlich den altenglischen Kanon „Sumer is icumen in“. Ich erinnere mich undeutlich, in einer der vergangenen Nächte davon geträumt zu haben, weiß aber nicht mehr, in welchem Zusammenhang.
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