Somniatorium

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Spaziergang am Strand

2007-03-30

Im fahlen Licht der späten Nachmittagssonne unternehme ich mit E. einen Spaziergang am Meeresstrand. Der Himmel über unseren Köpfen ist wolkenlos, aber von bleigrauer Farbe, und es scheint, als ob man nur die Hand ausstrecken müßte, um ihn berühren zu können. Obwohl sich kein Lüftchen rührt, ist das Meer in heftiger Bewegung und schwere, ölige Wellen rollen im Zeitlupentempo an das Ufer. Wenige Meter vom Strand entfernt ragen verrostete Überreste von Maschinen und andere Metallteile aus dem trüben Wasser und versperren den Zugang zu der dahinter liegenden Bucht.

Dicht unter der Wasseroberfläche erkenne ich kleine Pelztiere ‫ wahrscheinlich handelt es sich um junge Katzen ‫, die sich heftig strampelnd bemühen, das Ufer zu erreichen. Der Sog der Wellen läßt ihnen aber keine Chance und zieht sie immer wieder hinaus in das offene Meer. Selbst wenn sie die Kraft der Strömung überwinden könnten, hätten sie davon keinen Nutzen, denn sie müßten sich hoffnungslos in dem Gewirr aus eisernen Stangen und Drähten verheddern und elend darin zugrunde gehen.

E. und ich verlassen den Strand und gehen eine menschenleere Gasse entlang bis zu einem Haus, durch dessen Tor gedämpfte Musik und Stimmen zu hören sind. Wir treten in den Hauseingang und geraten in eine Diskussion, ob wir das Fest besuchen sollen oder nicht: E. ist dafür, ich aber verspüre keine Lust auf Gesellschaft und möchte viel lieber zurück an den Strand. In diesem Moment öffnet sich die Tür und ich bemerke, daß meine Ohren mit Sand verstopft sind, denn obwohl im Hintergrund des Festsaales ein Podest mit Musikanten zu sehen ist, dringt der Schall weiterhin nur sehr gedämpft in mein Bewußtsein. Mit den Fingern versuche ich, meine Gehörgänge freizulegen, aber die Sandkörner haben sich zu einem zähen Konglomerat verdichtet, das sich nur langsam und mit großer Mühe entfernen läßt.

Da wir uns nicht auf eine gemeinsame Abendgestaltung einigen können, mischt E. sich unter die ausgelassen feiernden Festgäste und läßt mich allein auf der Straße zurück. Ich sehe ihr noch einen Augenblick nach, dann spaziere ich zurück zur Strandpromenade, wo inzwischen die abendliche Dämmerung hereingebrochen ist. Die Barriere aus Altmetall ist verschwunden; stattdessen sind jetzt einige bunt beleuchtete Verkaufsstände am Wasser aufgestellt, die Eis und andere Erfrischungen anbieten. Mit einem Gefühl der Entspannung setze ich mich an einen der hölzernen Klapptische zwischen den Pavillons und warte auf Bedienung.

Anmerkungen

Dieser Traum basiert auf einem Telefongespräch mit E., die mir bei dieser Gelegenheit ausführlich über die Abenteuer und Missetaten des ihr vor einem halben Jahr zugelaufenen Kätzchens erzählt hat.

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U-Bahn ins Ungewisse

2007-03-23

Ich bin mit einigen Freunden unterwegs auf der Suche nach einer verschollenen Gruppe von Entdeckungsreisenden, die unter der Führung der Sopranistin Anneliese Rothenberger als erste Menschen in der Geschichte in die interdimensionale Kharkov-Zone eingedrungen sind und sie erfolgreich durchquert haben. Die Kharkov-Zone ist ein transzendentes Energiefeld, das unsere Welt mit einem auf den ersten Blick ähnlichen, aber letztlich doch fremdartigen Paralleluniversum verbindet; um sie zu erreichen, muß man lediglich das am Ende jeder U-Bahn-Strecke befindliche Tor aufstoßen und ohne stehen zu bleiben weiterfahren. In der Zone selbst ist es dunkel und man darf auf keinen Fall anhalten, da man sonst ewig darin gefangen bleibt und weder vor noch zurück kann. Es ist wichtig, bei der Einfahrt genügend Schwung für ihre antriebslose Durchdringung mitzubringen, denn die Zone erlaubt keine Entfaltung von Bewegungsenergie und eine Beschleunigung in ihr ist daher nicht möglich.

Im Zuge der Nachforschungen haben wir unsere eigene Welt verlassen und sind in einem alternativen Peking des Jahres 1930 gelandet, das wir erfolglos nach den Vermißten durchsucht haben. Wir machen Rast neben einer aufgelassenen Stadtbahnstrecke, von der noch der Mittelpfeiler einer eingestürzten Brücke erhalten ist. Dieser hat die Gestalt einer monumentalen goldenen Engelsfigur und trägt auf dem Kopf die Reste des ehemaligen Brückenbogens. Auf dem Mauerwerk sind noch die in Großbuchstaben aufgemalten Worte „Die Zukunft bringt das Glück“ zu lesen, doch angesichts des ruinösen Zustands der Anlage erscheint mir diese Hoffnung als verfehlt.

Unsere Mission ist beendet und wir sitzen wieder in einem U-Bahn-Triebwagen, der mit hohem Tempo auf die Kharkov-Zone zusteuert und uns in unsere eigene Welt zurückbringen soll. Die Spannung steigt mit jedem Augenblick, denn es ist keineswegs sicher, daß die Bewegungsenergie des Zuges für den Sprung zurück ausreichen wird. Tatsächlich beginnt sich die Fahrt bedrohlich zu verlangsamen, aber ein Licht am Ende des Tunnels zeigt uns, daß wir es gerade noch geschafft haben. Mit einem Gefühl der Erleichterung rollen wir auf dem Bahnsteig ein ‫ und stellen bestürzt fest, in die Irre gefahren zu sein: Die technische Infrastruktur und das Ambiente der Station gleichen im Wesentlichen den Umständen, wie wir sie aus der uns vertrauten Welt kennen; die Menschen jedoch sind lebende Skelette, die uns entsetzt aus leeren Augenhöhlen anstarren. Anzeichen von Panik machen sich in der dicht gedrängten Menge bemerkbar, denn es ist offensichtlich, daß wir den Bewohnern des Paralleluniversums ebenso monströs erscheinen wie sie uns. Dazu kommt noch, daß der Bahnsteig nur ungenügend von einer trüben neongrünen Beleuchtung erhellt wird, was der Szene den Charakter einer Geisterbahnfahrt verleiht.

Ich halte den Zug nicht an, sondern steuere ihn an den Untoten vorbei in den nächsten Tunneleingang. Wir befinden uns jetzt in einem Bereich fahlen Zwielichts; die Wände sind aus Glas und geben den Blick auf eine Reihe von Theaterwerkstätten frei. Ein chaotisches Durcheinander von Schauspielrequisiten und bühnenbildnerischem Handwerkszeug zeugt von den Aktivitäten einer ordnenden Macht hinter den Kulissen der Parallelwelt: besengroße Pinsel in hölzernen Farbbottichen, unfertige Bühnenentwürfe auf meterhohen Leinwänden, auf dem Boden verstreute Kostüme. Durch eine Folge von selbsttätig öffnenden Toren gelangen wir in einen letzten, mit Korkplatten ausgekleideten Tunnelabschnitt, wo sich die Geleise im Schotterbett des Schienenoberbaus verlieren ‫ die Fahrt ist zu Ende!

Wir steigen aus und betreten eine von Büschen gesäumte Gartenlandschaft. Aus dem Gras erheben sich drei langohrige Wesen und kommen uns mit zum Gruß ausgestreckten Händen entgegen. Sie sind am ganzen Körper mit braunem Plüschfell bedeckt und haben anstelle von Gesichtern undurchsichtige Helmvisiere aus schwarzem Glas. Noch ehe sie ein Wort gesprochen haben, wird mir klar, daß es sich um die verschollenen Forscher handelt, die nach einer langen Irrfahrt durch die Gefahren der Kharkov-Zone hier gelandet sind und sich zur Ruhe gesetzt haben. Anneliese Rothenberger ist weitergezogen und hat sie allein zurückgelassen, aber da sie nie richtig in die Gruppe integriert war und überdies keinerlei Befähigung zu seriöser Forschungsarbeit hatte, haben sich die anderen leichten Herzens von ihr getrennt.

Anmerkungen

ûußerlich lehnt sich dieser Traum an den Film „Moebius“ des argentinischen Regisseurs Gustavo Mosquera R. an, in dem sich ein in eine Endlosschleife geratener U-Bahn-Zug im Untergrund von Buenos Aires verliert; unmittelbar inspiriert wurde die Handlung jedoch von E., deren künstlerische Zukunftspläne in erster Linie noch die Gestaltung von Gemälden im Großformat vorsehen. Die Antwort auf die Frage, was das mit Anneliese Rothenberger oder der Stadt Kharkov zu tun hat, muß ich leider schuldig bleiben.

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Saurer Regen

2007-03-21

Ich bin Schüler und blicke aus dem Fenster meines Klassenzimmers hinüber zum Areal einer benachbarten Chemiefabrik, wo sich soeben eine heftige Explosion ereignet hat. Aus einem geborstenen Tank steigt eine Dampfsäule auf, die sich nach oben hin pilzförmig verbreitert und vom Wind auf das Schulgebäude zugetrieben wird. Eine Alarmglocke ertönt und fordert Schüler und Lehrer zum Verlassen der Gefahrenzone auf, woraufhin sich im Schulhof eine aufgeregte und zugleich neugierige Menschenmenge versammelt.

Auch ich eile hinaus ins Freie und wandere ziellos durch die Straßen, wo sich die Dämpfe aus der Fabrik inzwischen zu ätzendem grauen Dunst verdichtet haben. Zu allem Übel beginnt es auch noch zu regnen und die Tropfen verbinden sich mit dem Nebel zu einer scharfen Säure, die sich in heftigen Schauern auf die Köpfe der Passanten niederschlägt. Da die meisten von ihnen ohne Schuhe unterwegs sind, müssen sie ungeschützt durch die Säurelacken waten, und bald hallt das Viertel von den Schmerzensschreien der Barfüßigen wider.

Wie mir erst jetzt auffällt, betrifft dieses Problem auch mich, doch ich weiß mir zu helfen und greife in den Fond eines mit geöffneten Türen an mir vorbeifahrenden Wagens, wo jemand eine Decke aus grobem Wollstoff abgelegt hat. Diese ziehe ich zur Abwehr des sauren Regens über den Kopf und lasse sie dabei rundherum zu Boden hängen, damit sie zugleich als säurefester Teppich für meine Füße dienen kann. Diese Maßnahme behindert zwar die Aussicht und erschwert das Weiterkommen beträchtlich, aber wenigstens darf ich hoffen, das Abenteuer ohne gröbere Verletzungen zu überstehen.

Auf den Stufen zu einem Haustor hat jemand ein Paar Turnschuhe abgestellt, die ich erfreut an mich nehme und überzuziehen versuche. Leider sind sie mir um einige Nummern zu groß und überdies mit Säure vollgesogen; noch dazu ist das Ganze eine Falle, denn als ich die Schuhe zurück an ihren Platz stelle, stehe ich plötzlich einem heruntergekommenen Straßenräuber gegenüber, der mich mit einem großkalibrigen Trommelrevolver bedroht und die Herausgabe meiner Wertsachen verlangt. Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, spannt er den Hahn seiner Waffe, doch der Revolver ist in so schlechtem Zustand, daß er in seine Bestandteile zerfällt und der Verbrecher nur den Griff in der Hand behält. Da nützt es auch nichts, daß sich aus einem finsteren Winkel ein Komplize dazugesellt, der seinem Kumpan mit einem abgebrochenen Küchenmesser Beistand leistet: Die beiden haben ihre Glaubwürdigkeit als tollkühne Banditen verspielt und sich als ganz gewöhnliche Bettler zu erkennen gegeben, die mit unlauteren Mitteln Kapital aus der Ausnahmesituation schlagen wollen. Angewidert wende ich mich ab und gehe weiter, denn ich bin nicht bereit, einen derart peinlichen Auftritt mit einer Spende zu honorieren.

Anmerkungen

Dieser Traum verdankt sich einer an Vortag stattgefundenen Diskussion zum Thema „Wie viel Natur braucht der Mensch?“, in der ich mich für eine Minimalvariante ausgesprochen habe. Mein Unterbewußtsein sieht durch industrielle Aktivität verursachte Umweltschäden aber offenbar als Problem.

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Landschaft mit Figuren

2007-03-14

Ich besuche mein altes Gymnasium, wo eine ehemalige Mitschülerin aus Anlaß unseres zwanzigjährigen Maturajubiläums ein Klassentreffen organisiert hat. Um die Stimmung von damals wieder aufleben zu lassen, begeben wir uns in geschlossener Formation in die Garderobe und ziehen unsere Straßenschuhe aus. Dabei läuft mir D. über den Weg, die der Schwarm meiner frühen Jugendtage war; auch sie freut sich über das Wiedersehen und wir vereinbaren einen gemeinsamen Kaffeehausbesuch, um unsere Bekanntschaft nach den langen Jahren der Trennung von neuem aufzufrischen.

Der Schulwart führt uns durch das Gebäude und zeigt uns, was sich in der Zeit seit unserem Abgang alles verändert hat. Wichtigste Neuerung ist eine repräsentative Halle für Theateraufführungen und andere Veranstaltungen, die anstelle der nicht mehr zeitgemäßen Physik- und Chemiesäle errichtet wurde. Leider hat man beim Umbau gespart und offenbar schlechtes Material verwendet, denn obwohl die Arbeiten erst vor kurzem abgeschlossen wurden, bröckelt der Verputz von den Wänden und überall kommt brüchiges Mauerwerk zum Vorschein.

Nach der Führung versammeln wir uns vor dem Schultor, und um mein Rendezvous mit D. auf keinen Fall zu versäumen, beeile ich mich, vor den anderen draußen zu sein. Da bemerke ich, daß ich immer noch in Hausschuhen unterwegs bin und eile hastig zurück in die Garderobe. Diese hat sich jedoch inzwischen in eine Steppenlandschaft verwandelt, in der die Garderobenständer zwischen Gebüsch und hohem Gras versteckt sind. Der einzige gangbare Pfad ist von den Statuen römischer Legionäre blockiert, die in der Sonne glänzen und aussehen, als ob sie aus Metall gegossen wären; doch das ist nur eine raffinierte Täuschung, denn in Wahrheit sind die Figuren aus Plastik gefertigt und lassen sich ganz leicht zur Seite schieben. Da es aber sehr viele sind und sie oft so dicht stehen, daß nicht einmal eine Handbreit Platz zwischen ihnen ist, komme ich trotzdem nur langsam voran.

Ich verlasse den Pfad und versuche, mich querfeldein durchs Gebüsch zu schlagen, werde aber schon nach wenigen Schritten von einem Elefanten mit drohend erhobenem Rüssel aufgehalten. Um nicht noch mehr wertvolle Zeit zu verlieren, gebe ich die Suche nach meinen Schuhen auf und laufe hinaus auf die Straße. Doch ich komme zu spät ‫ meine Klassenkameraden haben sich bereits zerstreut und sind nach Hause gegangen. Auch von D. ist keine Spur mehr zu sehen: Wie schon in unserer Jugendzeit hat mich die Treulose auch heute wieder im Stich gelassen.

Anmerkungen

Gegenstand dieses von falscher Nostalgie verbrämten Traumes (die Erinnerung an meine Schulzeit bedeutet mir nämlich nichts) sind die Probleme mit der Infrastruktur an meiner Arbeitsstätte, die wegen des beschränkten Wirtschaftlichkeitsdenkens der Verantwortlichen langsam, aber sicher verfällt. Der Rüssel des Elefanten geht auf den S-förmig gebogenen Abluftschlauch eines transportablen Klimageräts zurück, das wir als Notfallaggregat für die Kühlung unserer EDV-Infrastruktur einsetzen.

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