Somniatorium

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Die Rettung des Bratens

2007-04-26

Ich fahre mit der U-Bahn zur Arbeit und bemerke erst viel zu spät, daß ich es offenbar versäumt habe, rechtzeitig auszusteigen. Als der Zug endlich hält und ich nervös aus dem Stationsgebäude laufe, finde ich mich in einem unbekannten Vorstadtviertel wieder, dessen ländlicher Charme mir ein Gefühl von Ruhe und Entspannung vermittelt. Spontan beschließe ich, blau zu machen und den Tag hier draußen im Grünen zu verbringen. Aus dem Garten eines urtümlichen Landgasthofs auf der gegenüberliegenden Straßenseite dringt Bratenduft in meine Nase, und so setze mich an einen der Tische im Schatten eines Baumes und lasse mir von der Kellnerin die Speisekarte vorlegen.

Während ich überlege, was ich essen könnte, beobachte ich einen Gast, der soeben die Spezialität des Hauses bestellt hat: einen Grillteller, der direkt bei Tisch zubereitet wird. Das rußgeschwärzte Gestell, das die Kellnerin zu diesem Zweck aus der Küche gebracht hat, sieht aus wie eine Käfigfalle für Ratten. Es handelt sich um einen Miniaturgrill, dessen Boden von einer Schicht glühender Holzkohle auf Backofentemperatur erhitzt wird. Offenbar ist man beim Befüllen des Kohlebehälters über das Ziel hinausgeschossen, denn zwischen den Gitterstäben dringt Rauch hervor und der Geruch von verbranntem Fleisch erfüllt die Luft. Durch den Qualm erkenne ich ein etwa fünfzehn Zentimeter großes Wildschwein, das sich mit brennendem Pelz verzweifelt an die Wand des Käfigs drückt, um der Hitze zu entkommen. Ohne auf den Protest des um seine Mahlzeit geprellten Mannes zu achten, eile ich hinzu und befreie das Opfer mit meinem Eßbesteck aus seinem Gefängnis. Dann setze es vor mir auf den Boden und warte auf ein Lebenszeichen.

Das Tier ist bewußtlos und eine klebrige Schicht aus verkohltem Bratfett überzieht sein angesengtes Fell, aber es atmet und bewegt sich. Nach einiger Zeit öffnet es die Augen, und als ich ihm mit der Gabel auf die Beine helfe, torkelt es durch das Gras davon, bis es an den Rand eines von Löwenzahnblättern gesäumten Erdlochs gelangt. Nach einem kurzen Moment des Zögerns verwandelt es sich in eine faustgroße Kellerassel und entschwindet in den Untergrund.

Mit meinem inneren Auge blicke ich in den Hohlraum unter dem Erdloch und stelle fest, daß es sich um die Behausung eines Kraftsportlers handelt. Aus der Sicht des Besitzers ist das Loch eine schadhafte Stelle im Dach, unter der er seinen Sportsack aufgehängt hat, um den eindringenden Regen aufzufangen. Die Assel kriecht hinein und verheddert sich so in den Schnüren, daß sie bald weder vor noch zurück kann. Zwar ärgert es mich, daß das dumme Tier schon wieder in eine Falle geraten ist, doch das Verantwortungsgefühl siegt und ich ziehe den Sack aus dem Loch und schüttle ihn vorsichtig vor mir aus. Tausende von Käfern und anderen Insekten fallen heraus und laufen nach allen Seiten auseinander, um im Gras Schutz vor dem gleißenden Sonnenlicht zu suchen. Meine Assel ist auch unter ihnen, aber da sie mittlerweile auf die gewöhnliche Größe ihrer Artgenossinnen geschrumpft ist und ihre ursprüngliche Wildschweinnatur restlos abgelegt hat, ist sie für mich vollkommen uninteressant geworden.

Anmerkungen

Mein Kollege C. hat sich seit einiger Zeit dem Boxsport verschrieben und unterhält uns in wöchentlichen Abständen mit den neuesten Anekdoten aus dem Sportzentrum ‫ so wie der Kraftsport an meiner Arbeitsstätte überhaupt eine unverhältnismäßig große Rolle spielt. Die übrigen Motive des Traumes sind scheinbar ohne aktuelle Bezüge.

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Die Stadt der regengrauen Phantome

2007-04-18

Ich sitze in einem Taxi und lasse mich durch die dicht bevölkerte Fußgängerzone in der Salzburger Innenstadt chauffieren. Da vor wenigen Minuten ein Gewitter über den Straßen niedergegangen ist, reflektiert der glänzende Asphalt die Lichter der Autoscheinwerfer und der Himmel zeigt sich von dunklen Wolken bedeckt. Unter den Spaziergängern sind immer wieder farblose, halb transparente Gestalten auszumachen, die sich zu Gruppen scharen und jeden Kontakt mit anderen Menschen vermeiden. Es handelt sich um die sogenannten „regengrauen Phantome“, die nach Niederschlägen scheinbar aus dem Nichts auftauchen und bald darauf ebenso spurlos wieder verschwinden. Obwohl das Rätsel ihrer Existenz ungelöst und über ihre Ziele und Zwecke nichts bekannt ist, werden sie von den geschäftig umhereilenden Passanten kaum beachtet und bleiben weitgehend sich selbst überlassen.

Je weiter wir uns dem Stadtzentrum nähern, desto größer wird die Zahl der Phantome, und bald stellen sie die überwiegende Mehrheit der Fußgänger. An den Straßenkreuzungen drängen sie sich so dicht aneinander, daß man sie mit dem Auto zur Seite schieben muß, um nicht zwischen ihnen steckenzubleiben. Da sie von feinstofflicher Substanz sind und den Kontakt mit gewöhnlicher Materie nicht ertragen, zerplatzen sie bei dieser Berührung und zerfließen zu klebrigem Schleim wie Schnecken, die man mit Salz überschüttet hat.

Ich steige aus dem Taxi und weiche von der Hauptstraße in eine weniger frequentierte Nebengasse aus. Mein Instinkt sagt mir, daß ich mich in Gefahr befinde; zugleich fühle ich mich jedoch befreit und empfinde die Abwesenheit der Phantome als Wiederherstellung der Normalität. Vor dem Schaufenster eines Uhrmachergeschäfts bleibe ich stehen und vertiefe mich in die Betrachtung der Auslage, in der einige besonders kunstvolle Erzeugnisse des Uhrmacherhandwerks zum Verkauf angeboten werden. Der Inhaber des Ladens ist gerade in ein Gespräch mit einem Kunden vertieft und führt ihn in die Theorie der Mechanik von Zahnrädern ein, wobei er zur Veranschaulichung die Teile eines zerbrochenen Uhrwerks vor sich ausgebreitet hat.

Auf dem Lack des Fensterrahmens bemerke ich pyramidenförmige Ausblühungen, die rhythmisch zu pulsieren scheinen und dabei langsam, aber stetig wachsen. Da begreife ich: Dies sind die Keimzellen, aus denen sich die regengrauen Phantome entwickeln! Das An- und Abschwellen der kristallähnlichen Gebilde übt eine hypnotische Wirkung auf mich aus und es gelingt mir nur mit viel Willenskraft, meinen Blick davon zu lösen. Dabei ist größte Eile geboten, denn die Keime können jeden Moment zu fertigen Phantomen mutieren, und kein lebender Mensch darf jemals Zeuge dieser Metamorphose werden.

Anmerkungen

Obwohl sie nicht selbst auftritt, weisen der Schauplatz Salzburg und der Bezug zum Thema „Uhren“ ganz klar E. als zentrale Figur dieses Traumes aus. Zusammen mit den beiden vorhergehenden Geschichten ergibt sich damit eine in erster Linie durch die Hauptperson zusammengehaltene Trilogie, in der weitere Bezüge zum Tagesgeschehen nicht erkennbar sind.

Die kristallähnlichen Phantom-Keime sind den außerirdischen Krankheitserregern aus dem Film „Andromeda ‫ tödlicher Staub aus dem All“ von Robert Wise nachempfunden, die das Blut der Befallenen zu Sand gerinnen lassen. Die Andromeda-Organismen wachsen und pulsieren unter dem Mikroskop ganz ähnlich wie die pyramidenförmigen Strukturen auf dem Fensterrahmen.

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